Dienstag, 9. Mai 2006
 

 


 

Netznixe trifft Wirbelwind

Maya Bringolf und Mark Staff Brandl eröffnen die Reihe «Twogether»

von Ursula Badrutt Schoch

 

St. Gallen. Der Projektraum exex am Oberen Graben denkt über künstlerische Interessensverwandtschaften nach und stellt Resultate temporärer Zusammenarbeit und wechselseitiger Inspiration in den Raum.

Was soll man denn davon denken? Die Leute bleiben irritiert vor dem Schaufenster des Projektraumes exex stehen. Wirklich einladend sind die Gehänge nicht, die da locken. Aber die Neugierde ist geweckt. Hat sich ein Sadomaso-Club zum Saiten-Büro gesellt? Oder sind es Fallen für die bunten Bären, die sich so unsäglich vermehren in dieser Stadt? Jedenfalls scheinen die Netze schweres Geschütz zu sein. Sind sie aber nicht –
zumindest nicht in materieller Hinsicht.

Ornamentdinge

Was bleigewichtig an Ringen von der Decke hängt, ist nichts als Fugensilikon.

Für Maya Bringolf (geb. 1969) ist Giess- und Fugensilikon das bevorzugte und unterdessen ausschliessliche Arbeitsmaterial. Die an den Hochschulen in Zürich und München ausgebildete Künstlerin aus Schaffhausen, die heute in Basel lebt, hat Pinsel und Farbe gegen ein industriell gefertigtes Material aus der Bau- und Giessbranche getauscht. Fragen der Malerei interessieren sie nach wie vor. Die netzartigen Strukturen, die sie direkt aus der Tube drückt, sind Objekt gewordene Zeichnungen, getrieben von der Lust am Ornament. Sie hat damit schon stilvolle Möbel überdeckt in einer Mischung von liebevollem Spitzentuch und grausamer Fangvorrichtung.

Für den Projektraum hat sie die Netze zusammengerafft als wären es Spinnhuppelen, die zum Trocknen an einen geschützten Ort kommen müssen. Entstanden sind geisterhafte Gestalten, die ihre Existenz auch der temporären Zusammenarbeit mit Mark Staff Brandl verdanken. Sie haben sich invasiv im Raum verteilt, treten uns in den Weg, lenken den Schritt, wenn wir uns den bunten Tafeln an den Wänden nähern wollen.

Wie Maya Bringolf interessiert sich auch Mark Staff Brandl für die Spielarten des Pop unter kulturgeschichtlichem Bewusstsein. Mark Staff Brandl, geboren 1955, Künstler aus Chicago mit Wohnort Trogen, malt Comics mit Pinsel auf Leinwand und ordnet die Tafelmalerei gerne zu ausgeklügelten Installationen.

Er liebt die kleinen Fehler und Schwächen – sowohl in Bilderzeugnissen wie bei den Menschen. So kreiert er Bastarde als Superhelden, erzählt ihre Geschichten auf «Covers», behängt mit Anspielungen auf das Zeit- und Kunstgeschehen der Region und der grossen Welt.


Befruchtungen

Weil sie beide schon in Basel in der Galerie Tony Wüthrich ausgestellt haben, haben sie vom Werk des anderen gewusst und die inneren Verwandtschaften erkannt. So haben sie zusammengefunden und ihr Schaffen einer gegenseitigen Befruchtung ausgesetzt. Ergebnisse dieser temporären Werkvermischung und des produktiven Austauschs ergiesst sich jetzt in zahlreichen Geschichten und Geschichtchen in den Raum. Brandls Comic-Kunst-Figur Whorl Earl, der Tornado mit Meister-Proper-Superman-Charakterzügen, inspirierte Bringolfs Netze zum Ghost-Dasein. Eine mögliche Geschichte ihrer Begegnung und Inspiration hat Mark Staff Brandl über Eck auf Tafeln installiert, ein Comic, dessen Sprech- und Denkblasen das nächste Bild sind. Textlos nähern sie sich einander an und schwirren ab, nicht ohne vorher noch eine krasse Explosion vom Stapel zu lösen. Die Affäre scheint den Superman ermüdet zu haben, er schläft wie Goyas «Schlaf der Vernunft» über einer Leinwand und träumt von den Netze spinnenden Spinnen.


Auswüchse

Maya Bringolf ihrerseits hat eine Porträtserie vom Whorl Earl angefertigt, Fugensilikon auf Giesssilikon, schlabberig und humorvoll auf die Ansprüche hehrer Malerei reagierend – und Brandl seinerseits wieder zu einem Porträt vom Porträt anregend.

«Vernacstraction» oder der Titel der Ausstellung «Nu-Pop-Scape» sind die verbal verschmolzenen Auswüchse des Austauschs. In den umgangssprachlichen Abstraktionen, in Pop(land)schaften und der Wertschätzung des Ornaments und der Spielerei als Kunst liegen denn die verbindenden Gemeinsamkeiten im Schaffen von Maya Bringolf und Mark Staff Brandl. Solche sowohl formalen als auch inhaltlichen Nähen als Quellen gemeinsamer Verdichtungen zu nutzen, ist die Idee des Projektes «Twogether».

Die Fortsetzung machen Rayelle Niemann aus Zürich und Kairo und Taysir Batniji aus Gaza und Paris (1.–25. Juni). Ein weiteres Beispiel für eine wechselseitige Beeinflussung zweier eigenständiger Künstlerpersönlichkeiten in einer temporären Zusammenarbeit ist mit Jonas Dahlberg und Jan Mancuska auch in der Neuen Kunst Halle zu erleben (bis 28.5.).


 

Stichwort

Twogether

Two together, eine Künstlerin und ein Künstler treffen sich, lernen sich und ihre Arbeit gegenseitig kennen und im Austausch wächst die Lust auf ein gemeinsames Projekt: <Twogether> thematisiert die Auswirkungen gegenseitiger Beeinflussung in der temporären Zusammenarbeit. Voraussetzung für das gemeinsame Werk zweier Künstler/innen ist die Dialogbereitschaft, die Zusammenarbeit zielt auf Diskurs, Verständigung und Experiment. Die Strategie des Austausches im Teamwork thematisiert aber nicht nur die individuelle Künstlerposition, sondern reflektiert auch den Werkbegriff immer von neuem.

Aus dem Prospekt «Twogether»

 


 

 

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